Zum Inhalt springen

Kiwifruit

Der Wecker klingelt, es ist halb 7 – viel zu früh. Es geht auf zur Arbeit, ab nach Te Puke zum Kiwis pflücken. Nachdem Google Maps mir den falschen Weg gezeigt hat, bin ich doch auf der Farm angekommen. Erstmal etwas umsehen, nur Chinesen und Inder hier, keiner in meinem Alter. Bin ich denn der einzige Backpacker? Ein bisschen Smalltalk mit den Chinesen kann nicht schaden, sie sind wohl schon seit mehreren Jahre immer wieder zur Ernte hier in Neuseeland. Etwas Zeit vergeht, der Chef ist noch nicht da. Dann kommt ein weiteres Auto an – Backpacker in meinem Alter. Ich komme schnell mit den vieren ins Gespräch. Zwei Engländer – Toby und Ben, eine Französin – Cindy und ein weißer Namibier, der witziger weise auch ziemlich gut Deutsch spricht – Dan. Nachdem unser Chef endlich da ist, jeder einen Picking Bag und Handschuhe bekommen und der Supervisor uns eine kurze Einführung gegeben hat, geht es auch direkt an die Arbeit. Früchte pflücken im Akkord, dabei den Picking Bag vor der Brust, der nach und nach immer schwerer wird. Zwischen durch immer den Bag unten öffnen und die Früchte in die Bins (große Kisten) entleeren. Anstrengend, aber machbar. Wir bewegen uns unter den Sträuchern entlang, so dass wir eigentlich immer im Schatten arbeiten. Nach zwei Stunden ist es Zeit für die Lunchbreak – nur blöd, dass ich mir nichts mitgenommen habe, also gibt es Cornflakes bis es auch schon heißt, dass die Pause zu ende ist. Immer mal wieder hört man einen der Inder „Schalla, Schallaaa!“ oder „Bros, don’t miss the fruits!“ durch die Farm rufen, heißt wohl so viel wie „Hurry Up“. Da wir mehr Geld verdienen, wenn wir schneller Picken macht das Sinn, an das Tempo der Inder ist allerdings kein Herankommen. Insgesamt arbeiten wir 7 Stunden am ersten Tag und sind doch ziemlich erschöpft.

IMG_1493

Am nächsten Tag geht es um 9 Uhr los, allerdings ist die Arbeit aber auch zu unserer Verwunderung schon um 12:30 Uhr wieder vorbei. Leider sind die Früchte dieses Jahr noch nicht so weit und so gibt es wohl weniger zu tun. Das Foto ist übrigens an dem zweiten Tag entstanden, am Ersten war an so viel Aufwand gar nicht mehr zu denken. Als wir wieder bei den Autos sind, fragt Cindy mich, was meine weiteren Pläne sind. Da ich noch nichts vorhabe, schließe ich mich den anderen an und wir fahren zum Strand und trinken ein Feierabendbier – um 14 Uhr.

IMG_1500

Die nächsten Tage sind eher langweilig. Jeden Abend die gleiche SMS: „No work 2mrw bro“. Die Inder nennen hier jeden Bro.
Am nächsten Tag besuche ich noch den Waitao Wasserfall in der Umgebung. Etwa eine halbe Stunde fahrt bei bestem Wetter und ich bin dort. Es sind gerade mal 10 Minuten Fußweg vorbei und durchs Wasser, bis man unten am „Pool“ angekommen ist. Es ist ein wirklich kleiner Wasserfall, daher nicht besonders spektakulär, aber dennoch nett anzusehen. Dass zu Beginn des Walks auf möglicherweise mikrobiologisch kontaminiertes Wasser hingewiesen wird, und somit auf Baden verzichtet werden sollte, interessiert ein paar Spanier nicht. Nachdem es unten durch den Wassernebel und den Schatten der Pflanzen recht kühl war, komme ich doch, beim Aufstieg zurück zum Auto, direkt wieder ordentlich ins Schwitzen. Ich verbringe den restlichen Tag in der Umgebung und am Strand zu Füßen des Mount Maunganui. Als ich mich anschließend auf den Weg zurück zum Campingplatz machen will, wird mir der Weg jedoch noch von diesen vier Jungs versperrt.

IMG_1454

Mittlerweile sind ein paar weitere Tage vergangen und es heißt immer noch keine Arbeit. Ich bitte meinen Chef, mir bescheid zu sagen, wenn im Team in Opotiki ein Platz frei wird. Opotiki ist etwa 120km von meinem derzeitigen Standort entfernt, es ist viel ländlicher und ruhiger dort. Da zu erst die goldenen Kiwis reif sind und es dort viel mehr Farmen mit den goldenen Früchten gibt, ist die Wahrscheinlichkeit dort zu arbeiten höher. Am Sonntag klingelt das Telefon, mein Chef fragt mich, ob ich nach Opotiki möchte, es sei ein Platz in dem Team frei geworden. Ich stimme zu und mache mich auf den Weg.

Ich bin keine 20 Minuten unterwegs, da sehe ich, wie ein Streifenwagen am Straßenrand das Blaulicht einschaltet, wendet und mir hinterher rast, na toll. Nachdem ich nach einiger Zeit eingesehen habe, dass er wirklich mich meint halte ich links an. „Is there any reason you driving so fast?“ Mir fällt spontan keine gute Antwort ein. Direkt wird auch schon mein Atemalkohol durchs Zählen bis 10 vor einem Messgerät gemessen und mein Führerschein verlang. Naja, er bittet mich im Auto zu warten. Er kommt wieder und gibt mir einen Strafzettel, 80 NZD – na super! 20 Punkte habe ich auch noch bekommen, ganz schön viel. Keine Ahnung, wie die das hier handhaben, aber das interessiert mich erstmal auch nicht weiter, denn ich bin etwas spät dran und die Sonne geht bald unter. Auf dem Weg merkt man immer mehr, wie die Landschaft hügeliger wird und alles einfach super stark bewachsen ist. Ich mache lediglich einen kleinen halt um den Strand bzw. das Meer zu fotografieren.

IMG_1533

In Opotiki angekommen entschließe ich mich, die nacht auf einem kostenlosen Campingplatz zu verbringen um etwas Geld aufgrund des Speedingtickets zu sparen. Die App zeigt 4 von 4 Sternen, die Kommentare durchweg gut, allerdings auch 4WD (Allradantrieb) empfohlen, er scheint außerdem auch relativ außerhalb zu liegen. Ich mache mich trotzdem auf den Weg, mittlerweile ist es dunkel. Nach gut zwanzig Minuten und holpriger, nicht asphaltierter Straße kommt ein Schild, welches darauf hinweist, dass die Stadt Opotiki für die kommende Strecke keine Verantwortung trägt. Nach kurzem Überlegen fahre ich weiter, schließlich bin ich ja schon viel zu lang unterwegs. Es geht über einen kurvigen Sandweg links am Gefälle und rechts an einer Felswand vorbei, bis ich vor einem kleinen, vielleicht knöchelhohen Bach stehe. Ich überquere diesen und fahre weiter und weiter. Ein Schild sagt mir, dass ich so gut wie da bin, nur noch eine Abfahrt mit relativ starken Gefälle – auch das noch. Mittlerweile ist es halb 8, es regnet immer noch und ich habe kein Netz. Bin ich so weit gefahren um wieder umzukehren? Nein, da die Abfahrt aus Asphalt ist, fahre ich herab. Ich bin angekommen, jedoch ist der Campingplatz so verschlammt und einsam, dass ich mir, aus Angst ich würde morgen früh im Schlamm stecken bleiben, nicht zutraue hier zu übernachten, also zurück. Da der Weg noch weiter zu einem kostenpflichtigen Campingplatz mitten im Nirgendwo führt, folge ich meiner Neugierde – ein fataler Fehler. Ich stehe vor dem gleichen Gefälle wie zuvor, jedoch diesmal aus Schlamm. Die Entscheidung ist schnell gefällt, es geht zurück. Bloß lässt es sich nirgends wenden, da die Straße zu schmal ist. Also geht es im Rückwärtsgang, bei strömendem Regen und absoluter Dunkelheit gefühlt eine halbe Stunde zwischen Schlucht und Felswand vorbei, bis ich endlich wenden kann. Ich bin mit den Nerven am Ende und meine Konzentrationsfähigkeit ist gleich null, so anstrengend war dieser Weg. Als ich endlich zurück in der Stadt bin suche ich mir noch schnell einen Campingplatz aus und checke direkt für eine Woche ein um Geld zu sparen. Nach der Arbeit am nächsten Tag erkunde ich noch etwas den Campingplatz und lasse den Abend bei einem Heineken ausklingen.

IMG_1550

 

Published inAllgemein

Ein Kommentar

  1. Andreas Andreas

    Puh, das mit dem abgelegenen Campingplatz und dem Rückzug im Rückwärtsgang hört sich aber abenteuerlich an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *